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Ammenmärchen über’s Stillen … (Teil 1)

Ich hatte auf Instagram eine kleine Umfrage gemacht, welche Themen euch brennend interessieren. Neben BLW war die häufigste Antwort das stillen. Ich hatte bereits in einem anderen Artikel darüber berichtet, was man alles zum stillen braucht. Heute geht es um kuriose Geschichten rund ums stillen. So oft lese ich veraltetes Wissen und Ammenmärchen auf Instagram oder Facebookgruppen. Leider empfehlen auch viele Hebammen und Kinderärzte Praktiken aus längt vergangenen Zeiten. Also räumen wir mal damit auf.

Ein Baby das an der Brust seiner Mutter trinkt, bestätigt unleugbar unsere Verwurzelung in der Natur.

Zum Start sei gesagt: Stillen ist eine Beziehung zwischen Mama und Kind. Sie muss wachsen – es gibt Rückschläge, schwere Zeiten. Wer daran arbeitet und dran bleibt wird belohnt.

Ich habe in der Schwangerschaft keine Milchbildung – ich kann bestimmten nicht stillen!

Mach dir bitte keine Sorgen – nicht jede Schwangere Frau hat bereits während der Schwangerschaft merklich Bildung von Kolostrum. Kolustrum ist die Vormilch, die das Kind die ersten Tage bis zum Milcheinschuss ernährt. Wenn du das in den letzten Schwangerschaftswochen nicht hättest, sagt das nichts darüber aus, ob du nach der Geburt stillen kannst oder nicht.

Nach der Geburt muss direkt literweise Milch fließen – wenn nicht, sollte man direkt die Flasche geben!

Ein Cleopatra Bad mit der eigenen Milch wirst du wahrscheinlich in den ersten Tagen nicht machen können – aber das ist gar nicht schlimm. Der Milcheinschuss kann bis zu 7 Tage auf sich warten lassen – in dieser Zeit ernährt die fetthaltige Vormilch (Kolostrum) das Baby. Diese ist vollkommen ausreichend. Durch das wiederholte Anlegen des Säuglings wird dem Körper signalisiert, dass jetzt richtige Milch gebraucht wird. Lasst euch also erstmal nicht verunsichern, wenn nicht direkt Milch ohne Ende fließt. Den Milcheinschuss merken viele durch das typische „explodieren“ der Brüste und mir war z.B. heiß – ich dachte ich bekomme Fieber.

Merke!: Das Kind darf in vielen Kliniken bis zu 10% seines Geburtsgewichtes verlieren. Das hat man aber in der Regel ruckzuck wieder drauf. Nora ist mit 2900 Gramm entlassen worden und wog bei der Geburt 3200 Gramm.

Stillen ist total einfach und wenn es nicht direkt klappt, sollte man es lassen!

Man möchte meinen, dass stillen total leicht ist – schließlich ist das ja so von der Natur vorgesehen. Also wieso sollte es zu Problemen kommen? Ich will euch um Gottes Willen keine Angst vorm stillen machen – aber Fakt ist: Eine Stillbeziehung muss sich entwickeln. Mama und Kind müssen üben und zueinander finden. Das dauert einen Moment bis sich alles einspielt. Das A und O ist die richtige Anlegetechnik und die zeigt einem am besten eine Hebamme oder noch besser Stillberaterin direkt im Krankenhaus. Solltet ihr keine Unterstützung im Krankenhaus erfahren, ruft direkt eine Stillberaterin in eurer Nähe an – sie kann euch helfen. Ja es gibt sie – die stillunfreundlichen Krankenhäuser.

Die Milchmenge lässt sich nur durch Stilltees und Malzbier erhöhen!

Totaler Quark – im Gegenteil, so richtig sicher, dass so ein Stilltee überhaupt was bringt ist irgendwie wohl niemand. Schmeckt er dir? Dann trink ihn weiter. Die effektivste Methode die Milchmenge zu erhöhen, ist dem Körper eine hohe Nachfrage zu signalisieren. Das passiert durch das erhöhen der Stillmahlzeiten. Anlegen, anlegen, anlegen – das ist hier die Devise.

Wenn man stillt, muss man auf viele Lebensmittel verzichten! Das Kind bekommt Bauchweh von Zwiebeln etc.!

Keine Geschichte hält sich hartnäckiger als die von den ganzen schlimmen blähenden Lebensmitteln. Ich kann es schon langsam nicht mehr hören 🙁 Um zu verstehen das es so nicht sein kann, muss man einen Abstecher in die Anatomie / Biologie machen. Würde es stimmen, dass bestimmte Lebensmittel Blähungen und Bauchweh beim Kind hervorrufen müsste es also irgendwo eine Verbindung vom Magen der Mutter und den Brüsten gehen. Aber von vorne:

Im Drüsengewebe der Brust befinden sich ca. 20 Drüsenlappen. Diese wiederum bestehen aus Drüsenläppchen. Diese Läppchen enden in den Milchbläschen (Alveolen). Und die Alveolen bestehen aus milchbildenden Alveolzellen. Diese Zellen haben einen Hohlraum in denen sich die Milch sammelt. Hier wird Milch aus dem Blut synthetisiert (X) und die Zellen sezernieren die Milch.

Es gibt 2 Hormone, die für die Milchbildung zuständig sind – das ist einerseits Prolaktin und andererseits Oxytocin. Prolaktin ist für die Milchbildung in den Drüsen zuständig – Oxytocin bringt den Milchfluss in Gang (Milchspendehormon).

Wenn also Oxytocin ausgeschüttet wird (dadurch, dass das Kind an der Brust saugt), ziehen sich diese oben beschriebenen Hohräume zusammen und drücken quasi die Milch durch die Milchgänge gedrückt und sammeln sich als Milchseen im Bereich des Warzenhofes. Das Kind kann trinken!

Über das Blut, durch das die Milch gebildet wird, können keine Balaststoffe und Darmgase übergeben. Auch Kohlensäure tut dem Kind nix. Was ins Blut übergeht / bzw. übergehen kann:

  • Nikotin
  • Alkohol
  • Ascorbinsäure (Vitamin C) (der Peak (höchste Wert) wird laut Thomas Hale „Medication and Mothers Milk“ 2000 nach zwei bis drei Stunden erreicht) – daher auch der wunde Po bei manchen Babys
  • Natürlich alle Nährstoffe aus den Lebensmitteln – davon wird ja quasi das Kind versorgt

Ätherische Öle und Gewürze verändern den Geschmack der Milch.

4. Mein Kind weint dauernd an der Brust – es wird nicht mehr satt!

Oftmals stellen Mamas mit Babys im Alter von 3-5 Monaten fest, dass die Kinder an der Brust unruhig werden und auch weinen. Zum einen gibt es die sogenannte Brustschreiphase. Ein anderer Grunde könnten z.B. ein zu starker MSR (Milchspendereflex) sein  0der dass das Baby  nur nuckeln möchte aber sofort Milch kommt (muss gelernt sein). Jedenfalls sollte man die Schreiphase nicht als Abwehr verstehen. Einfach das Baby immer noch ruhig anlegen – diese Phase geht vorbei.

Mein Kind wird nachts dauernd wach – es hat bestimmt Hunger!

Das Märchen vom durchschlafenden Baby, was nachts nicht zu essen brauch. Überall liest man davon und sicher gibt es auch einige Exemplare. Im großen Teil der Kinderbetten sieht es aber anders aus. Das Kinder nachts wach werden und stillen möchten ist ganz normal.

Meine Brust ist gar nicht mehr prall – ich habe sicher keine Milch mehr!

Wer kennt sich nicht, die Dolly Buster Brust nach dem Milcheinschuss 🙂 Irgendwann reguliert sich die Milchmenge und damit passt sich auch das Volumen der Brust wieder an. Das bedeutet aber nicht, dass man keine Milch mehr hat.

Beim Abpumpen kommt sehr wenig oder gar keine Milch – davon kann mein Baby doch nicht satt werden!

Die Abpumpmenge gibt keinen Aufschluss darüber, wie viel Milch tatsächlich fließt. Selbst die modernste Pumpe der Welt kann ein Baby eben nicht ersetzen. Aber auch wie das stillen, muss das pumpen geübt werden. Es gibt aber tatsächlich Frauen, wo das pumpen einfach nicht funktioniert (bei mir z.B.).

 

Weil es so unglaublich viele Märchen rund ums stillen gibt, gibt es schon bald einen 2. Teil.

 

Literaturhinweise / Quellen:

  • Stillen – Marta Guoth – Gumberger, Elizabeth Hormann
  • Das Handbuch für die stillende Mutter – La Leche Liga
  • VELB Ausbildungsunterlagen Seminar 1, Anatomie der Brust
  • Mein Erfahrungsschatz als stillende Mama 🙂
Christin
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Ammenmärchen über’s Stillen … (Teil 1)

von Christin Geschätzte Lesezeit: 5 min
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