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Interview Kinderphysiotherapeutin Maike

Info: Dieses Interview wurde zuerst auf dem Blog von Frautandaradei; leider hat sie ihren Blog geschlossen und ich darf dieses Interview im Namen von ihr und Maike wieder veröffentlichen – Danke!

Maike,32, Physiotherapeutin seit 2008, seit 2010 Spezialisierung zur Kinderphysiotherapie, bereits in mehreren Praxen angestellt gewesen (Hamburg, München), zur Zeit in Elternzeit

Liebe Maike, ich danke dir, dass du bereit bist ein paar Fragen für meine LeserInnen zu beantworten. Du hast seit einiger Zeit ein aktives, fachliches Profil auf Instagram. Wie kam es dazu?

Antwort: Mein Sohn schläft tagsüber ausschließlich mit Körperkontakt auf bzw an mir, sodass ich täglich 3-6 Stunden auf dem Sofa oder im Bett verbringe. Das wurde mir sehr schnell langweilig sodass ich Fachartikel las, in Foren unterwegs war und merkte, ich kann die Zeit auch nutzen, um fachlich im Thema zu bleiben, oder Themen, die aufkommen als Neu-Mami physiotherapeutisch zu beleuchten. Daran wollte ich andere Mütter teilhaben lassen und als ich die Anfrage für eine Gastfolge in einem Podcast bekam, musste ein Instagram-Account her.

Du arbeitest mit Kindern – und so „zwangsweise“ auch mit Eltern. Was ist dir in der Elternarbeit besonders wichtig? Wie holst du sie zur Zusammenarbeit ab und motivierst?

Antwort: Die Eltern spielen in der Therapie die zentrale Rolle. Ohne ihre Bereitschaft, ihr Vertrauen und ihre Mitarbeit kann ich am Kind nichts erreichen. Mir ist wichtig, dass die Eltern genau verstehen, was ich in meinem Befund sehe. Ich erkläre ihnen ausführlich, was mir an ihrem Kind auffällt und wieso ich das für behandlungsbedürftig halte. Ich hole sie quasi mit ins Boot. Sie sind eh die Experten für ihr Kind und nun mache ich sie zum 1. Matrosen für die Zeit der Behandlung auf der Seefahrt zu unserem gemeinsamen Ziel, das wir im Vorfeld festlegen.

Dir scheint dein Job Berufung zu sein. Wie bist du zu der Arbeit mit Kindern gekommen und was motiviert dich jeden Tag dazu?

Maike: Ja, ich sehe es tatsächlich als Berufung an. Wenn es nur um den Verdienst geht, kann man leider als Physiotherapeut nur kleine Schritte machen. Ich habe mich als Jugendliche schon im Sportverein und im Ferienprogramm engagiert und hatte immer viel Freude daran, Kinder zur Bewegung zu bringen. Die kleinen Erfolgserlebnisse zu sehen und ein Teil dessen zu sein motiviert mich Tag für Tag. In dem Zeitraum der Behandlung wird man eine wichtige Bezugsperson für die Eltern, zumeist Mütter, und die Kinder. Wenn man so ein Mutter-Kind-Gespann über 3-6 Monate, manchmal sogar Jahre, 1-3 mal wöchentlich begleitet, wächst man zusammen und manchmal ergeben sich darüber hinaus tatsächlich auch Freundschaften. Es bringt einfach Spaß, die Entwicklung der Kinder, aber auch der Eltern zu beobachten und Impuls- und Ideengeber zu sein.

Ich möchte nun etwas allgemeiner werden. Mir als Mutter fiel es anfangs schwer, mein Kind auch mal Frust erleben zu lassen. Manchmal war ich versucht, ihr bspw. Beim Drehen zu helfen. Wieso ist es für Kinder wertvoller, wenn wir Eltern ihre Frustration aushalten? Und wie können wir in diesen Momenten trotzdem da sein?

Maike: Frustration ist etwas ganz Normales, ein Teil der Entwicklung. Ich sage immer, er ist der Motor der Entwicklung. Denn, wenn man zufrieden ist – auch wir Erwachsenen-, dann hat man keinen Grund, weiter zu gehen, sich weiter zu entwickeln. Es ist hart, den Frust des Kindes aus zu halten und eben nicht sofort das Spielzeug zu geben oder das Kind gar hin zu setzen. Aber wenn wir es schaffen, dabei zu sein, zu motivieren, zu trösten, Lösungsideen zu zeigen, dann hat das Kind die Chance auf eine eigenständige Entwicklung und erlebt dadurch Selbstwirksamkeit. Das wiederum motiviert das Kind, beim nächsten Mal selber zu probieren und es lernt, mit Frust um zu gehen.

Der Entwicklung vorzugreifen ist für Kinder schädlich. Kannst du bitte aus fachlicher Perspektive erklären, warum das so ist? Vielleicht an einem Beispiel! (z.B. Hinsetzen)

Maike: Wenn wir der physiologischen Entwicklung vorgreifen, z. B. das Kind hinsetzen bevor es selber in die Position gelangen kann, nehmen wir dem Kind zum Einen die Motivation, es selbst zu tun, zum Anderen gefährden wir – um es mal deutlich zu sagen- die Gesundheit. Die Entwicklungsschritte, die sonst in einer bestimmten Reihenfolge ablaufen und aufeinander aufbauen wie in einem

Bauplan, werden beim Vorgreifen unterbrochen. Und damit fehlt dem Kind dann die Muskulatur und Koordination aus dem vorherigen Schritt, was wiederum dazu führt, dass im Falle des hingesetzt-Werdens die Wirbelsäule in der Senkrechten gar nicht gehalten werden kann und das Kind „krumm“ sitzt anstelle gerade. Daher rate ich davon ab. Denn das Zusammenspiel der Muskulatur, das wir in unserer Entwicklung bis zum Laufen durchleben und aufbauen können wir später nur schwer nachholen. Da sind Haltungsschäden und weitere Folgen vorprogrammiert.

Als unsere Tochter laufen „lernte“, haben wir stets strikt untersagt, dass ihr die Hände nach oben gezogen werden. Ich wollte vermeiden, dass sie mit nach oben gestreckten Armen läuft. Auch Lauflerngeräte habe ich abgelehnt und wurde mitunter dafür belächelt. Wie ist deine Sicht als Expertin für die kindliche motorische Entwicklung darauf?

Maike: Du hast alles richtig gemacht! Lauflernhilfen greifen nicht nur der Entwicklung vor, sondern schädigen durch Fehlbelastungen auch die Gelenke und können maßgeblich an hausgemachten motorischen Entwicklungsstörungen Schuld sein. Das Laufen an den Händen ist nicht ganz so dramatisch, aber letztendlich auch keine Hilfe, da die Kinder dabei keinerlei Gleichgewichtserfahrungen machen können.

Kein Kind entwickelt sich wie das andere. Aber oft haben Eltern Sorge, dass ihre Kinder einen wirklichen Unterstützungsbedarf haben. Wann ist denn ein solcher Bedarf da? An wen kann ich mich wenden, wenn ich denke, dass mein Kind sich nicht „gut“ entwickelt bzw. einen Therapiebedarf hat?

Maike: Richtig, jedes Kind entwickelt sich unterschiedlich- zumindest im Tempo! Die Reihenfolge der Entwicklungsschritte und die Qualität- also wie es genau aussehen soll- ist allerdings genetisch festgelegt. Erst Kopf halten, dann greifen, drehen, robben, krabbeln,… Therapiebedarf besteht dann, wenn innerhalb dieser Schritte z.B Seitendifferenzen sichtbar sind oder ein Kind mit Überstreckung auffällt… oder natürlich, wenn der der Arzt bei einer Untersuchung festgestellt, dass die Hüften nicht ausgereift sind, Reflexe nicht zum Alter passen, dass die Füße eine auffällige Stellung haben usw. Natürlich gibt es auch Kinder, die schon mit einer Diagnose direkt aus dem Krankenhaus kommen. Frühgeborene haben wir sehr häufig in Behandlung oder Kinder mit neurologischen Auffälligkeiten.

Wenn du das Gefühl hast, dein Kind entwickelt sich nicht „normal“, dann ist dein erster Ansprechpartner der Kinderarzt. Der sollte deine Sorgen ernst nehmen, das Kind untersuchen und dich ggf. zu Spezialisten schicken oder eine Heilmittelverordnung für Physiotherapie ausstellen.

Vielen Dank liebe Maike für deine Antworten und die Zeit, die du dir für mein Interview genommen hast. Ich möchte wirklich von Herzen für deine wundervolle, respektvolle Aufklärungsarbeit im Netz für Eltern und ihre Kinder danken. Ich hoffe viele werden den Weg zu dir finden. Ebenso danke ich dir für die Möglichkeit, dass ich dir diese Fragen stellen durfte und alles veröffentlichen darf!

 

 

Christin
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Interview Kinderphysiotherapeutin Maike

von Christin Geschätzte Lesezeit: 5 min
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