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Interview Olga Heine, Stillberaterin

Olga Himmel Stillberaterin

Hallo Olga, schön dass du dir für ein paar Fragen im Rahmen meiner Blogkategorie ,,Vorgestellt“ Zeit nimmst – das freut mich!

1.    Möchtest du dich vielleicht kurz vorstellen? Wo und mit wem lebst du?
Meine Name ist Olga Heine (31). Ich lebe mit meinem Mann, meiner Tochter (2,5) und unserem Hund in der Nähe von Nienburg an der Weser. Zur Zeit warten wir auf Töchterchen Nr. 2, die sich aber noch etwas Zeit lässt.

2.    Du bist ausgebildete Stillberaterin. Was hat  dich bewogen die Ausbildung zu machen und wie lange machst du das jetzt schon?
Ich habe die Ausbildung bei der Arbeitsgemeinschaft freier Stillgruppen Bundesverband e.V (AFS) gemacht. Ich übe diese Tätigkeit ehrenamtlich und nebenberuflich aus. Eigentlich bin ich Soziologin. Meine eigene Stillgeschichte und die mangelnden Hilfemöglichkeiten haben mich dazu bewogen. Mein Stillstart war sehr schwierig und mit starken unnötigen Schmerzen verbunden. Ich hatte zwar nach 2 Wochen eine Hebamme gefunden, die sich etwas mit dem Stillen auskannte, jedoch war es trotzdem schwierig. Ich möchte den Müttern hier zum erfolgreichen Stillen verhelfen, sie unterstützen und für sie da sein, damit sie nicht so leiden müssen oder aus Unwissenheit vorzeitig abstillen o.ä. Die Ausbildung habe ich letztes Jahr im Oktober mit den ersten Modulen angefangen und im April diesen Jahres hatte ich mein Zertifikat bereits in der Hand.

3.    Wie und wo übst du deinen Beruf aus?
Ich besuche die Frauen bei Bedarf vor Ort, also fahre zu ihnen nach Hause, oder wir telefonieren erst mal nur. Oft entscheide ich dann, dass ich nur helfen kann, wenn ich mir z.B. anschaue, ob das Kind richtig angelegt wird u.ä. Manchmal ist es einfach besser, wenn ich von Angesicht zu Angesicht mit den Müttern reden kann. Weiterhin leite ich jeden Mittwoch Vormittag ein Stillcafé in Nienburg. Hier können sich gleichgesinnte Mütter treffen und austauschen. In der gemütlichen und geschützten Atmosphäre unterstützen sich die Frauen gegenseitig und haben Verständnis, denn im Grunde genommen kennen wir alle dieselben Probleme.

4.    Wo liegt der Unterschied zwischen einer Beratung bei einer Hebamme oder bei dir als Stillberaterin?
Wie ich es aus meiner eigenen Stillgeschichte bereits selber miterlebt habe, kennen sich nicht alle Hebammen mit dem Stillen ausreichend aus, um Helfen zu können. Bei mir damals hat die erste Hebamme nicht erkannt, dass ich einen Soor (in den Milchgängen) hatte und meine Tochter den Mund nicht richtig aufgemacht hat. Bis jetzt hat kein Arzt oder eine Hebamme erkannt, dass das Zungenbändchen zu kurz ist und ich deswegen bis zum Ende der Stillzeit unter Schmerzen gestillt habe. Das muss nicht sein. In der Hebammenausbildung wird nicht so detailliert über das Stillen gelehrt, wie bei der Ausbildung zur Stillberaterin. Die Fortbildungen zum Thema Stillen sind für Hebammen freiwillig. Es gibt natürlich viele sehr engagierte Hebammen, die sich weiterbilden und sich sehr bemühen den Müttern auch beim Stillen zu helfen, jedoch beschränkt sich die meiste Zeit auf die Wochenbettbetreuung. Was darüber hinaus geht, leisten diese engagierten Hebammen oftmals aus eigener „Tasche“. Eine Wochenbettbetreuung, die über 30 min oder 45 min hinausgeht wird von den Krankenkassen nicht mehr bezahlt. Und das ist wirklich wenig, wenn ich bedenke, dass ich teilweise bis zu zwei Stunden bei den Müttern berate. Weiterhin sind die Hebammen überlastet. Viel zu wenige Hebammen und zu viele Mütter treffen hier aufeinander. Daher ist es unglaublich wichtig, sich bei Stillproblemen direkt an eine Stillberatung zu wenden, denn nicht jede Hebamme kann sich diese Zeit nehmen.

5.    Erzähl doch mal wie so eine Stillberatung abläuft?
Zuerst kontaktieren mich die Mütter telefonisch. Im ersten Gespräch schätze ich ab, ob ein Hausbesuch nötig ist, oder auch eine Beratung am Telefon erfolgen kann. Wenn bestimmte Stillprobleme erwähnt werden, wie z.B. Schmerzen, schaue ich dies mir immer vor Ort an. Oder wenn ich merke, dass es eine längerfristige Beratung sein wird, weil das Kind nicht genug zunimmt oder die „Milch immer weniger wird“ usw. Kurze Fragen zu Beikost oder ähnliches kläre ich auch am Telefon. Wir machen dann einen Termin aus und ich komme zu den Frauen nach Hause. Ich frage dann immer nach dem Namen des Kindes, wie die Schwangerschaft war, wie die Geburt verlief (natürlich, mit Sectio usw.), Geburtsgewicht und das niedrigste Gewicht sind wichtig und das Gewicht bei der Entlassung aus dem Krankenhaus. Zudem muss ich wissen, wie oft in 24 Stunden gestillt wird und ggf. wie lange eine Stillmahlzeit ist. Je nachdem was bereits telefonisch geklärt wurde, frage ich symptomatisch wichtige Fakten ab. Eine Stillberatung ist natürlich nicht nur Fakten klären und Probleme ausmachen, sondern auch zuhören. Die Schwierigkeiten der Frauen ernst nehmen und Verständnis zeigen. Dadurch, dass ich als Mutter viele Erfahrungen selber gemacht habe, habe ich einen anderen Bezug zu den Müttern, als z.B. der Kinderarzt, der nur das Gewicht und das Wachstum des Kindes im Vordergrund sieht und nicht die alltägliche stressige Belastung der Mutter. Ich bin für die Mütter eine emotionale Stütze und höre zu. Sie dürfen bei mir ehrlich sein und sich fallen lassen. Und manchmal reicht auch nur ein offenes Ohr und die Bestätigung, dass man es genau richtig macht und nicht auf Freunde und Familie hören sollte (wenn diese z.B. zum Abstillen raten, weil die Milch angeblich nicht nahrhaft genug sei uvm.).

Es gibt aber auch Situationen, die eine längerfristige Begleitung benötigen. Wenn das Kind nicht genug zunimmt, weil es bereits zu oft die Flasche bekommen hat und die Mutter immer weniger Milch produziert o.ä. Dann setze ich mich mit der derzeit betreuenden Hebamme in Verbindung, um das genau zu beobachten. Ich wiege nämlich die Kinder nicht. Weitere Vorgehensweisen kläre ich dann mit Mutter und Hebamme zusammen. Oder wenn ich merke, dass ich hier an die Grenzen meiner Beratung gelange. Bei Krankheit von Mutter, oder Kind oder wenn es psychosozial schwierig wird, kümmere ich mich um weitere Hilfe, z.B. Schreiberatung oder verweise an eine Trageberaterin, wenn das Kind den Kinderwagen nicht mag usw. Auch empfehle ich den Gang zum Arzt oder zu einem Ostheopathen/Physiotherapeuten, wenn mir etwas auffällt.

6.    Haben sich das Interesse und die Toleranz gegenüber dem Stillen innerhalb der letzten Jahre verändert? Wenn ja, wie?
Als junge Mutter, kann ich es schlecht beurteilen. Ich weiß es aus persönlicher Erfahrung nicht, wie es früher war. Ich habe selber auch nie Diskriminierungen zu spüren bekommen oder wurde schief angeschaut, weil ich öffentlich gestillt habe. Von den Müttern aus dem Stillcafé höre ich da verschiedene Meinungen. Das Langzeitstillen, bzw. das unverkürzt Stillen ist scheinbar langsam im Kommen und viele stoßen dabei noch auf Diskriminierungen. Was ich sehr schade finde, da ein Stillen über das zweite und dritte Lebensjahr hinaus absolut artgerecht ist und normal sein sollte. Viele Menschen akzeptieren es, wenn ein Kind mit 3 oder 4 Jahren noch einen Schnuller hat oder Fläschchen bekommt, aber wenn das Kind noch gestillt wird, sind diese Mütter pervers oder können nicht loslassen. Dass das totaler Blödsinn ist, steht für mich außer Frage. Ich versuche mit meiner Beratung und durch das Stillcafé diese Einstellung zu ändern. Und wenn ich nur eine Mutter dazu gebracht habe, nicht mit 6 Monaten abzustillen, weil Onkel Hipp und Nestlé das suggerieren oder das Umfeld es so macht, dann habe ich schon mein Ziel erreicht.

7.    Mit welchen Problemen und Ängsten konfrontieren dich Neu-Mamas in Bezug auf das Stillen?
In meinem Geburtsvorbereitungskurs habe ich mit den Noch-nicht Mamas offen reden können. Ein paar wenige hatten tatsächlich Angst vor den Schmerzen beim Stillen, weil sie es in der Verwandtschaft oder bei Freundinnen mitbekommen haben, oder ob die Milch denn nahrhaft genug sei uvm. In einem Stillvorbereitungskurs konnte ich diese Ängste nehmen und den Schwangeren das Vertrauen in ihren Körper vermitteln. Neu-Mamas haben oft Angst, dass die Milch nicht ausreicht oder nicht nahrhaft genug ist bzw. zu dünn. Ich kläre dann die Hintergründe, wieso sie das denken, was sie dazu bewegt daran zu zweifeln und wie es dann tatsächlich ist. Keine Milch ist zu dünn und sofern man nicht mit Schnuller oder Fläschchen dazwischen funkt und ausreichend oft stillt, dann kann die Milch nicht einfach so weniger werden. Wenn das Kind tatsächlich nicht zunimmt, suchen wir gemeinsam die Gründe. Oftmals aber sind die Mamas verunsichert, weil das Kind nicht wie andere durchschläft oder vermehrt am Tag schreit, was nicht ungewöhnlich ist. Man bekommt es allerdings von anderen Müttern nicht mit.

8.    Welche Vorteile siehst du generell im Stillen – gerade in Hinblick auf die Mutter-Kind-Bindung?
Wir als Stillberaterinnen sind der Meinung, dass das Stillen per se keine Vorteile hat. Das natürlichste der Welt sollte selbstverständlich sein. Dagegen sollte man es aus einem anderen Blickwinkel betrachten und zwar, dass das Nicht-Stillen, also die Flaschenfütterung mit künstlicher Säuglingsmilch, sehr sehr viele NACHTEILE hat. Es ist ungesund und nicht natürlich.Es ist mit vielen Risiken verbunden, die mit dem Stillen vermindert werden könnten. Die körperliche Verbundenheit und die Mutter-Kind-Bindung können auch mit der Flasche entstehen. Viele Mütter hatten vielleicht keine Hilfe beim Stillen und haben es nicht geschafft, diese Probleme zu lösen und mussten dann zum Wohle des Kindes abstillen, was sehr schade ist, es aber nicht bedeutet, dass das Kind dadurch eine weniger gute Bindung zur Mutter hat. Das wäre nicht richtig zu denken. Das Stillen ist wunderbar und ganz besonders schön und nicht zu vergleichen mit der Flaschenfütterung.

9.    Du bist ja selbst Mami – was kannst du werdenden Mamas mit auf den Weg geben?
Vertraue deinem Instinkt und in die Fähigkeiten deines Körpers. Hör auf dein Bauchgefühl und tue das, was das Richtige für dich und dein Kind ist. Und zu guter Letzt: Bitte hole dir Hilfe, wenn du es brauchst. Scheu dich nicht nach Hilfe zu bitten.

Liebe Olga, danke für deine Zeit.

Last but not least: Wie kann man dich denn kontaktieren, wenn man Interesse an einer Stillberatung in der Region Nienburg/Weser hat?

Ich bin bei Facebook zu finden oder auf der Internetseite der AFS oder unter der Telefonnummer 01707792004

Bis Ende November/ Dezember 2016 gönne ich mir allerdings eine Babypause und berate vorerst nicht mehr.

Christin
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Interview Olga Heine, Stillberaterin

von Christin Geschätzte Lesezeit: 7 min
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